80-fach be-schattet

 

              SÜD'N-Magazin (H/W 2017/18)

 

„Tolle Bäume!“, waren meine ersten Worte beim Besichtigungstermin in der Stephanstraße vor 26 Jahren. „Wenn die Wohnung auch passt, wird sie gekauft“. Sie hat, seitdem wohne ich in diesem Gründerzeithaus, Baujahr 1908, mit Erkern, unten Sandsteinfassade, oben lichtblau gestrichen. Mein Schreibtisch steht am Fenster im dritten Stock mit Blick auf Berg- und Spitzahornbaumkronen. Grüne Farbtupfer, Schattenspender, Luftreiniger, Vogelheimatgeber und Konzertbühnen, Futter- und Balzplätze vom Frühling bis zum Spätsommer und im Herbst hagelt es Nasenzwicker en masse. Auch im Winter haben die Bäume ihren Reiz. In der Morgendämmerung kriechen blattlose Äste und Zweige, dürren Armen und Fingern gleich, aus dem Nebel. Sie könnten Dämonen gehören, auf der Jagd nach verlorenen Seelen - das inspiriert zu Mord-Geschichten.

Über ein Drittel der Bäume dürften 70 Jahre oder älter sein. Ich frage mich oft, was sie alles sehen und gesehen haben: Die seit Jahren festen „Institutionen“ Jagdstüberl, den Strandkorbhändler, das Gemeindehaus der „Siebenten-Tags-Adventisten“ und die als Parkplatz und illegaler Hunde-Ausführplatz missbrauchte Diehl-Wiese. Sie beschatten die kurzen Gastspiele der Jogger auf dem Weg zum Wöhrder See und die Busse der VAG-Linien 43 und 44 – alles mit eigener Regelmäßigkeit – nicht zu vergessen das Ladensterben und die Männer, die verstohlenen Blickes im Haus mit den Modelwohnungen verschwinden. „Big Ahorn is watching you“.

Die Bäume sehen viel mehr als die Kameras an der Diehl-Konzernzentrale, im Jahr 1979 auch den Bauwagen, von dem aus man eine Wohnung im Haus Nummer 40 observierte. Diese war von Mitgliedern der RAF angemietet worden, sicher wegen des freien Blicks auf den Gebäudekomplex des Waffenproduzenten. Nach der Stürmung, bei der eine Verdächtige erschossen wurde, berichteten alle TV- und Printmedien darüber. Im ganzen Land trat man es wochenlang breit, auch ohne Twitter & Co. Man behauptete „Die RAF habe Konzernchef Diehl ermorden wollen“. Was hätten die Bäume gesagt? Auf jeden Fall hätten sie sich vorher gewundert: „Wo ist die Baustelle zum Bauwagen?“ – es gab keine.

Und heute? Sie reden immer noch, „chatten“ miteinander, es sind ja Lebewesen. Wir Menschen verstehen sie nicht, vernehmen nur das Rauschen in den Kronen und das Rascheln der Blätter. Ich höre trotzdem gern zu, bis der Wind ihre „Worte“ fortträgt. Vor einigen Tagen habe ich die Bäume gezählt, es sind 79 Ahornbäume und eine sehr alte Eiche. Kameras bei Diehl gibt es nur sechs entlang der Stephanstraße und jeweils drei in den beiden Seitenstraßen. Ein glatter Sieg für die Bäume. Ich hoffe, das bleibt so, denn ich will noch lang beschattet und inspiriert werden.

 

© 2017, Lilo Seidl

 

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