Ist das Kunst ... ?

 

... oder kann das weg?“

 

Während der letzten Blauen Nacht entdeckte ich eine große, blaue (was sonst) Mülltonne in der Innenstadt, verziert mit einem Aufkleber „Ist das Kunst oder kann das weg?“ – und das bei einem Kunst-Event! Ich habe allerdings keinen erwischt, der Kunst darin entsorgte. Das Zitat, die Quelle ist nicht genau bekannt, geistert gern durch die Kunstwelt – regelmäßig während der berühmten Documenta oder wenn ein unbekannter Bieter bei Sotheby’s ein Kunstwerk für Millionen ersteigert hat, welches auf dem ersten Blick nicht als solches erkennbar ist. Manchmal sieht zeitgenössische Kunst aus, als käme sie geradewegs vom Müll. „Ist das Kunst oder kann das weg?“ – Joseph Beuys konnte zu Lebzeiten ein Lied davon singen, man denke nur an seine berühmte „Fettecke“ in der Düsseldorfer Kunstakademie, die bei Putzarbeiten einfach weggewischt wurde.

 

Graffiti lassen sich nicht einfach wegwischen, die Sprühfarbe ist dank spezieller UV-Schutz-Versiegelung lichtecht und wetterbeständig. Die Stilrichtungen sind vielfältig, man kann darüber philosophieren und etwas hineininterpretieren. Wie

bei jeder Kunst bedarf es auch hier keiner Erklärung oder würden Sie Vincent van Gogh fragen, was er uns mit seinen Sonnenblumen sagen wollte oder Rembrandt mit seiner Nachtwache? Bei den Writings, gesprühten Schlagworten und die am meisten verbreiteten Graffiti, kommt die Botschaft „klar“ herüber – sofern leserlich, was bei den aufgeblähten Bubblebuchstaben manchmal erst auf den zweiten Blick oder aus einigen Metern Entfernung möglich ist. In der Südstadt gesichtet: LOVE, SLIM, 1. FCN oder einfach nur SÜDSTADT, um nur einige zu nennen. Manchmal kommen sie in Zick-Zack-Schrift mit messerscharfen Kanten daher, die beinahe so weh tun wie die Botschaft, die rüberkommen soll: FUCK WAR!

 

Graffiti - geliebt und gehasst. Ein Teil unserer Gesellschaft setzt die illegalen

Bilder mit Vandalismus gleich und tituliert die Urheber als kriminelle Schmierfinken. Andere sehen sie als Kunstform der Straße, als Bestandteil der urbanen Kultur, abwechslungsreich und bunt wie ihre Schöpfer. Doch es gibt legale Abhilfe für Sprühwütige: Auftragsarbeiten. In der Südstadt, an der Kreuzung Köhn-/ Scheurlstraße, schmückt seit diesem Sommer ein farbenfrohes, monumentales, phänomenales Auftrags-Graffiti von ESW eine ganze Hauswand, Titel: Perspektiven. In den vergangenen Jahren stellten Hauseigentümer mehrere kahle Wände zur Verfügung, Unternehmen ließen Teile ihrer Firmensitze verschönern und Städte Parkhäusern, Unterführungen, U-Bahnhöfen offiziell einen modernen Touch verpassen. Am Spielplatz in der Oberen Mentergasse ziert seit 2015 „NÜRNBERG SÜDSTADT“ in Bubble-Blau mit Püppchen und Häschen im Pokemon-Stil eine Mauer. Graffiti bekommen Fläche zugesprochen, werden quasi salonfähig. Sgraffitis hingegen verschwinden, obwohl von ihren Erschaffern als langlebige Kunst erdacht.

 

Graffiti und Sgraffiti, kennen Sie den Unterschied, vom „S“ einmal abgesehen?

Ein Sgraffito entsteht nach der Auflage verschiedenfarbiger Putzschichten. Teile der oberen werden abgekratzt und die der darunterliegenden Schicht freigelegt, durch den Farbkontrast entsteht ein Bild, das eine Hausfassade zieren darf. Diese Technik erlebte eine Blütezeit während der Renaissance. In den 1930er Jahren schuf man leider auch Bilder, die dem Nationalsozialismus als unterschwellige Propaganda dienten. Nach 1945 erfuhren die Sgraffiti einen deutlichen Stilbruch mit idyllischen Familienszenen, Darstellung von Berufen, Pflanzen, Tieren oder einem Bezug zum Straßennamen – immer positiv, nie provozierend wie heute die Graffiti. Sgraffiti, die „Street-Art“ der Wiederaufbaugeneration, verhalfen den schlichten Gebäuden dieser Epoche zu mehr Individualität.

 

Letzteres gilt auch für eine weitere Form der Kunst am Bau: Schablonenmalerei. Ein Fries mit orangefarbenen Mäusen am Anwesen Pillenreuther Straße 11 ist ein wahrer Eyecatcher, sonst hätte ich das (maus-)graue Gebäude sicher nicht wahrgenommen. Mir gefällt es, andere finden es vielleicht kitschig, diese Eigenschaft haftet den Sgraffiti gern an. Mich erinnern die abstrakten, manchmal naiv wirkenden Motive an Linolschnitte, einige an Bilder von Picasso – es ist eben Geschmackssache. Einige Beispiele aus Nürnbergs Süden: Allersberger Straße 64 „Mutter und Kind mit Spardose“ (sehr sprechend, im Haus befindet sich eine Filiale der Sparkasse), Humboldtstraße 148 „Menschen unter einem Segel“. Gegenüber der Peterskirche zieren zwei Sgraffiti mit Zitaten das Gebäude, eines mit „Tipp“-Fehler: „C. Ph. Harsdörffers poetischen Trichter macht Nürnberger Witz zum Nürnberger Trichter“. C. Ph.? – Herr Harsdörffer hieß Georg Philipp mit Vornamen. Der Sgraffito-Künstler hat beim G etwas zu viel weggekratzt, das bisschen Kunst musste wohl weg. Bei einem Graffiti könnte man es einfach übersprühen, tja, heutzutage ist so manches einfacher.

 

In den letzten Jahren sind, im Rahmen energetischer Haussanierungen, viele Sgraffiti unter dicken Dämmplatten verschwunden, Gebäude aus den 1950ern und 1960ern sind selten denkmalgeschützt. Mich beschleicht außerdem das Gefühl, nur wenige Menschen trauern den Kratzbildern nach, mir ist keine Hausbesetzungs-Aktion bekannt, durch die eines vor der Zerstörung bewahrt werden sollte. Es geht auch kein Aufschrei durch die Stadtbevölkerung, das haben sie mit den illegalen Graffiti gemein, denen weint kaum einer eine Träne nach. Womöglich liegt die fehlende Wertschätzung an dem etwas angestaubten Image – Kitsch, wie oben erwähnt. Diese Kunst ist nicht mehr „State of the Art“ und kann weg. Kunst oder Kitsch? Schon oft wurde Kitsch Kult, es gibt also Hoffnung für die Sgraffiti. Schönheit liegt im Auge des Betrachters und Kunst ist Sache des Geschmacks, dieser darf keinesfalls abhandenkommen. Ergo, auch die Kunst muss bleiben. Doch wer entscheidet?

 

© 2018 LiLo Seidl

 

für süd'n-Magazin, Ausgabe Herbst/WInter 2018/19

 

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