"Unter Strom"

 

SÜD'N Magazin, Sommer 2018

 

Kürzlich bin ich mit der Straßenbahn der Linie 5 in die Gartenstadt gefahren, mit der „Elektrischen“, wie man früher zu sagen pflegte. Kurz nach der Haltestelle Frankenstraße, wähnte ich mich plötzlich in einer anderen Welt. Hohe, mit Pflanzen und Moos überwucherte Wände säumen dort den Weg. Mit Fantasie, davon habe ich reichlich, sorgte das Grün für einen Hauch von Urwaldabenteuer. Über mir schloss sich das Blätterdach und für kurze Zeit durfte ich mich – kurz stromlos gesetzt – wie Indiana Jones fühlen, unterwegs auf einem geheimen Pfad in die grüne Hölle am Amazonas. Bei der Einfahrt in den Tunnel umfing mich schummriges Licht, vor meinem inneren Auge sah ich wagenradgroße Spinnennetze, vorbeihuschende Fledermäuse, schwirrende Giftpfeile und einen schwarzen Jaguar. Doch nicht dessen Gebrüll riss mich aus dem Tagtraum, sondern ein reales und sehr lautes Bimmeln. Der Straßenbahnfahrer musste sich per Knopfdruck, Strom sei Dank, bemerkbar machen, weil ein Auto kurz vor der Haltestelle „Trafowerk“ mitten auf den Gleisen stand.

 

„Trafowerk“, schon wieder etwas Strom. Seit 1912 werden dort Transformatoren gebaut. Davon kündet ein mächtiges Modell von der  Größe eines Eisenbahnwaggons. Neben dem Pförtnerhäuschen ragen dessen riesige Spannungswandler in den Himmel. In den 1960er Jahren thronte  ein alter, richtig schöner Trafo auf der rechten Seite, voll Retro würde man heute sagen. Irgendwann hat man ihn ersetzt, schade eigentlich. Dafür brummt es in den Werkhallen, dank Strom und gut gefüllter Auftragsbücher. In der Nacht auf den 25. Januar wurde der größte Gleichstromtrafo der Welt von dort zum Hafen transportiert, Millimeterarbeit bis das 500-Tonnen-Ungetüm seinen Weg nach China antreten konnte.  Sechs weitere sind bestellt, im Trafowerk wird der Strom also noch eine ganze Weile brummen.

 

Man könnte glauben, ein Teil von Nürnbergs Südstadt stehe ständig unter Strom. Westlich des U-Bahnhofs Maffeiplatz verkünden es sogar die Straßennamen: Siemens, Volta, Galvani, Halske – um nur einige zu nennen. Alle haben mit Elektrizität zu tun. Seit über 100 Jahren geht es in Gibitzenhof und Umgebung um Strom. Es brummt mal mehr, mal weniger – je nach Wirtschaftslage. Schnell erkennt man, wer diese Gegend geprägt hat: Das Unternehmen Siemens, mit S wie Strom. Die roten Backsteingebäude der ehemaligen Siemens-Schuckert-Werke erinnern mich beim Vorbeigehen immer  an die Brownstone-Houses in Brooklyn und sorgen für ein wenig Big-Apple-Feeling in der Noris. Sonst reihen sich meist schmucklose, zweckmäßige Mehrfamilienhäuser aneinander, in den Seitenstraßen von ein paar Bäumen gesäumt. Sie sind das einzige Grün in den vier- bis fünfstöckigen Häuserfluchten und deutlich in der Minderheit.

 

Hier, im Süden Nürnbergs, dominiert der Strom, auch bei den Fußballern und Fans des 1. FC Trafowerk, wenn die Tore für die gegnerische Mannschaft fallen oder der Schiri falsch pfeift. Ein Stück weiter im Süden summen die Oberleitungen am Rangierbahnhof dauerbestromt und rund um die Uhr. Auch bei der MAN, dem zweiten hier dominierenden Großkonzern, schnurrt es dank Strom. Elektrisierend!

 

© Juni 2018 Lilo Seidl

 

 

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